Ein Herzinfarkt kommt plötzlich. Die Arteriosklerose, die ihm vorausgeht, entwickelt sich dagegen oft über Jahrzehnte. Auch Typ-2-Diabetes entsteht meist nicht über Nacht: Zwischen einem gesunden Stoffwechsel und der Diagnose liegen häufig viele Jahre zunehmender Insulinresistenz. Genau hier setzt Prävention an. Je früher gesundheitliche Risiken erkannt werden, desto größer ist der Zeitraum, in dem man gegensteuern kann. Ein erhöhter Blutdruck, ungünstige Blutfette oder steigender Blutzucker verursachen zunächst häufig keine Beschwerden. Sie können den Körper aber bereits belasten. Früherkennung kann deshalb manchmal mehr verhindern, als eine spätere Therapie noch reparieren kann.
Der Check-up – aber bitte nicht nur einmal Blut abnehmen
In Deutschland können gesetzlich Versicherte zwischen 18 und 34 Jahren einmalig und ab 35 Jahren regelmäßig alle drei Jahre einen Gesundheits-Check-up durchführen lassen. Dazu gehören unter anderem Anamnese, körperliche Untersuchung, Blutdruckmessung sowie bestimmte Blut- und Urinuntersuchungen. Auch der Impfstatus wird überprüft. Das ist sinnvoll – aber ein Gesundheits-Check sollte nicht mit einem „Alles-in-Ordnung“-Stempel verwechselt werden. Denn ein einzelner Laborwert ist immer nur ein Ausschnitt. Entscheidend ist das Gesamtbild und vor allem die Entwicklung über die Jahre.
Ein Beispiel: Ein Mensch kann einen noch unauffälligen Nüchternblutzucker haben, während gleichzeitig Bauchumfang, Triglyceride und HbA1c langsam steigen. Jeder einzelne Wert kann für sich betrachtet noch unauffällig sein. Zusammengenommen können sie jedoch auf eine beginnende Stoffwechselstörung hinweisen.
„Normal“ bedeutet nicht automatisch „optimal“
Hier liegt ein häufiges Missverständnis bei Blutuntersuchungen. Ein Labor gibt für viele Werte einen sogenannten Referenzbereich an. Dieser beschreibt vereinfacht gesagt, in welchem Bereich die Werte einer definierten Referenzgruppe liegen. Häufig wird dieser Bereich so gewählt, dass etwa 95 Prozent dieser Referenzpopulation darin liegen. Das ist aber etwas anderes als ein Bereich, der wissenschaftlich beweist: „Wer hier liegt, ist gesund und wird besonders alt.“
Ein einfaches Gedankenexperiment macht den Unterschied deutlich:
Wenn in einer Gesellschaft 60 Prozent der Menschen übergewichtig wären, wäre Übergewicht „normal“ oder „im Referenzbereich“, dadurch aber selbstverständlich nicht gesund. Häufigkeit suggeriert „Normalität“, ist aber kein Beweis für Gesundheit. Genauso sollte man einen Laborwert nicht automatisch als optimal betrachten, nur weil er innerhalb des Labor-Referenzbereichs liegt. Referenzbereiche dienen vor allem der medizinischen Beurteilung und Diagnostik und müssen immer im Kontext von Alter, Geschlecht, Erkrankungen, Medikamenten und anderen Befunden interpretiert werden.
Besonders interessant für die Prävention ist deshalb nicht nur die Frage „Bin ich im Normbereich?“ (und hier sei noch einmal betont: wenn es heisst, „Alle Werte sind in Normbereich“, müssen diese Werte nicht unbedingt gesund sein!) sondern: „In welche Richtung entwickeln sich meine Werte?“ Ein langsam steigender Blutdruck, HbA1c-Wert oder LDL-Wert kann bereits Jahre vor einer Erkrankung Anlass sein, den Lebensstil genauer unter die Lupe zu nehmen.
Welche Werte sind besonders interessant?
Zu den wichtigsten Basiswerten gehören weiterhin:
Blutdruck: Ein dauerhaft erhöhter Blutdruck gehört zu den bedeutendsten vermeidbaren Risikofaktoren für Herzinfarkt, Schlaganfall und Nierenerkrankungen.
Blutzucker und HbA1c: Sie geben Hinweise darauf, wie gut der Körper seinen Zuckerstoffwechsel reguliert. Der HbA1c zeigt dabei die durchschnittliche Blutzuckerbelastung der vergangenen Wochen und Monate und ist aussagekräftiger als eine Momentaufnahme des Blutzuckers.
Blutfette: LDL-Cholesterin ist ein zentraler Risikofaktor für Arteriosklerose, ist aber insbesondere im Verhältnis zum HDL-Cholesterin zu bewerten, nicht nur isoliert in der Gesamtmenge. Besonders interessant sind Apolipoprotein B (ApoB) und Lipoprotein(a). ApoB gibt Hinweise auf die Anzahl atherogener Lipoproteinpartikel, während Lp(a) stark genetisch bestimmt ist und ein zusätzlicher Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein kann. Die europäischen Leitlinien von 2025 haben die Bedeutung von Lp(a) als Risikomodifikator nochmals hervorgehoben.
Nierenfunktion: Kreatinin und die daraus berechnete eGFR können Hinweise auf die Nierenfunktion geben. Bei bestimmten Risikogruppen ist zusätzlich die Bestimmung von Albumin im Urin sinnvoll.
Leberwerte: Werte wie ALT und GGT können – richtig interpretiert – Hinweise auf Lebererkrankungen oder Stoffwechselprobleme liefern.
Der wichtigste Wert steht manchmal gar nicht auf dem Laborzettel
Für die Stoffwechselgesundheit kann der Bauchumfang ausgesprochen informativ sein. Viszerales Fett – also Fett, das sich rund um die inneren Organe ansammelt – steht in engem Zusammenhang mit Insulinresistenz und Herz-Kreislauf-Risiken. Das Viszeralfett lässt sich heutzutage mit hochwertigen Körperanalysewaagen zumindest einschätzen. Viszeralfett ist stark vom Gesundheitsverhalten und insbesondere dem Ernährungsverhalten abhängig. Auch körperliche Leistungsfähigkeit, Muskelkraft, Gewichtsentwicklung, Schlaf und Bewegungsverhalten gehören in einen guten Präventions-Check. Der ideale Gesundheitscheck besteht nicht aus 50 Blutwerten, sondern aus einem Gesamtbild des Menschen.
Krebsfrüherkennung: Hier kann Vorsorge tatsächlich Leben retten
Bei Krebs ist Früherkennung besonders wichtig. Ziel ist nicht nur, einen Tumor möglichst früh zu entdecken. Bei manchen Krebsarten können sogar Vorstufen erkannt und behandelt werden, bevor überhaupt Krebs entsteht. In Deutschland gibt es etablierte Programme zur Früherkennung von Darm-, Brust-, Gebärmutterhals-, Haut- und Prostatakrebs. Auch die Altersgrenzen und Untersuchungsintervalle sind festgelegt und werden wissenschaftlich weiterentwickelt. Besonders anschaulich ist Darmkrebs: Bei einer Darmspiegelung können Polypen entdeckt und häufig direkt entfernt werden. Aus einer kleinen Veränderung kann so gar nicht erst ein späterer Tumor werden.
Die Weltgesundheitsorganisation weist allerdings auf einen wichtigen Punkt hin: Nicht jede denkbare Untersuchung ist automatisch eine gute Vorsorgeuntersuchung. Screening kann auch zu falsch positiven Ergebnissen, Überdiagnosen und unnötigen Behandlungen führen. Entscheidend ist deshalb, dass eine Untersuchung nachweislich mehr Nutzen als Schaden bringt.
Prävention kann auch bedeuten: Impfen
Ein oft unterschätzter Bestandteil der Longevity ist der Impfschutz. Infektionen können insbesondere im höheren Lebensalter schwere Verläufe verursachen. Die STIKO empfiehlt deshalb für Erwachsene und insbesondere für Menschen ab 60 Jahren bestimmte Impfungen, unter anderem gegen Influenza, Pneumokokken und Gürtelrose sowie – abhängig von der individuellen Situation – weitere Impfungen. Wobei hier individuell entschieden werden muss, was sinnvoll ist und was nicht.
Der persönliche Longevity-Check
Statt einmal jährlich möglichst viele Untersuchungen „auf Verdacht“ durchführen zu lassen, ist ein individueller Vorsorgekalender sinnvoll. Dabei sollten Alter und Geschlecht, familiäre Risiken, Blutdruck und Stoffwechsel, Gewicht und Bauchumfang, Bewegung und Muskelkraft, Ernährung und Alkoholkonsum, Rauchen, Schlaf und psychische Gesundheit, Impfstatus und empfohlene Krebsfrüherkennungen berücksichtigt werden. Und vor allem: Nicht nur den aktuellen Wert betrachten, sondern die Entwicklung. Denn der Unterschied zwischen „noch normal“ und „gesund“ kann manchmal zehn Jahre ausmachen.
Fazit
Longevity bedeutet nicht, ständig medizinische Tests durchführen zu lassen. Es bedeutet, die richtigen Risiken frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu handeln. Ein erhöhter Blutdruck, ungünstige Blutfette oder ein steigender HbA1c müssen nicht zwangsläufig zur Erkrankung führen. Sie können Warnsignale sein – und Warnsignale sind wertvoll, solange man sie ernst nimmt. Die vielleicht wichtigste Frage beim nächsten Check-up lautet deshalb nicht: „Ist alles im Normbereich?“ sondern: „Wie entwickeln sich meine Werte – und was kann ich heute tun, damit sie in zehn Jahren noch genauso gut oder besser aussehen?“
Longevity-Challenge der Woche:
- Erstellen Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt einen individuellen Vorsorgekalender.
- Kennen Sie Ihre wichtigsten Werte: Blutdruck, LDL-Cholesterin, Blutzucker/HbA1c und – je nach persönlichem Risiko – weitere Marker.
- Überprüfen Sie Ihren Impfstatus.
- Nutzen Sie die empfohlenen Krebsfrüherkennungsprogramme.
Merksatz: Nicht warten, bis der Körper Alarm schlägt – Vorsorge beginnt lange vorher.
Autor: Andreas Hagedorn
Quelle: Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung online