Leichtathletik: Sindelfinger startet durch und landet bei der Jugend-WM in den USA

Florian Reichl flog zunächst unter dem Radar. Jetzt greift der 18-Jährige nach den Sternen.

 

Florian Reichl war noch nie Baden-Württembergischer Meister. Noch nicht einmal an einen Medaillengewinn oder einen Platz im Finale kann er sich erinnern. Und doch hat der 18-jährige Sprinter seine 100-Meter-Bestzeit in diesem Jahr auf 10,51 Sekunden gedrückt, lief bei den Deutschen Jugendmeisterschaften auf Platz vier und fliegt zu den Jugend-Weltmeisterschaften der Leichtathleten nach Eugene in den USA.

„Es ist völlig legitim, dass man mich bisher nicht auf dem Schirm hatte“, sagt der Sindelfinger, der eine beeindruckende Entwicklung hinter sich hat, lachend. Dass viel Potenzial in ihm schlummert, wusste Florian Reichl schon seit einigen Jahren. „Das haben auch meine Trainer gesehen, aber ich kann nur schnell laufen, wenn ich meine Verletzungen im Griff habe und das hat in den letzten Jahren nie funktioniert.“

Erste Sprints bei den Speedys

Über seine Eltern, beide ehemalige Leichtathleten, kam Reichl zuerst zur Speedy Leichtathletikschule und wechselte dann für eine Weile zum GSV Maichingen, ehe er sich in der U16 dem Mehrkampfteam anschloss. „Mit meinen sechsundzwanzig Metern im Ballwurf war aber schnell klar, ich bin kein Mehrkämpfer“, lacht der 18-jährige Schüler.

Er wechselte also mit Beginn der Jugend zu den Sprintern und entwickelte sich erst unter Peter Wiesner und dann unter Sebastian Marcard stetig weiter. „Ich war aber viel verletzt, verletzungsbedingt habe ich letztes Jahr nur drei kleinere Wettkämpfe gemacht, weil mein Beuger schon wieder Probleme hatte.“ Auch die Hallensaison ließ Reichl aus, doch dann blieb er zum allerersten Mal tatsächlich verletzungsfrei und konnte neben der Schule seinen vollen Fokus auf den Sport richten.

Endlich ein vernünftiges Pensum

„Ich konnte endlich ein vernünftiges Trainingspensum fahren und die Hoffnung war da, meine Bestleistung von 10,93 Sekunden deutlich zu verbessern. Dass es so schnell wird, hätte ich mir aber nicht träumen lassen“, sagt der Schüler der zwölften Klasse. So konnte Florian Reichl in dieser Saison deutlich mehr Rennen laufen und steigerte sich erst auf 10,72 Sekunden in Mannheim, dann auf 10,62 Sekunden in Regensburg und sorgte mit 10,51 Sekunden bei den Deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid für den vorläufigen Höhepunkt seiner Saison.

Wie viel seine Zeit wert ist, zeigt ein Blick auf die Deutschen Meisterschaften der Altersklasse U23, der Reichl ab dem kommenden Jahr angehören wird. Mit seinem Ergebnis hätte er sich hier zum Deutschen Meister gekürt. „Deswegen habe ich eigentlich nicht so viel Lust auf die U23, die ist einfach nicht so stark besetzt. Aber natürlich habe ich dann bessere Chancen auf einen Platz in der Staffel und vielleicht auch im Einzel“, überlegt der Sindelfinger. Im kommenden Jahr stehen schließlich die U23-Europameisterschaften in Polen auf dem Programm.

Schritt für Schritt

Doch die will sich Florian Reichl noch nicht als klares Ziel setzen. „Über die nächsten Jahre habe ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht. Ich will Schritt für Schritt vorankommen und versuche den Druck niedrig zu halten. Wenn ich mir feste Zeiten vornehme, verkrampfe ich nur. Ich möchte einfach jedes Rennen gewinnen, wenn ich mit dieser Einstellung reingehe, kann ich locker bleiben.“ Eine konkrete Marke hat der Sprinter aber dennoch im Auge. Seine Hallen-Bestleistung steht noch bei 7,24 Sekunden, fast eine halbe Sekunde langsamer als die Zeiten vergleichbar schneller Athleten.

Doch das ist erst im kommenden Winter ein Thema. Nun steht der Einsatz für die Nationalmannschaft im Fokus. Die Krönung seiner erfolgreichen Saison sollen nun ein, am liebsten sogar zwei Rennen für die deutsche 4×100-Meter-Staffel in Eugene werden. Und Florian Reichl hat gute Chancen, auch eingesetzt zu werden.

„Die finale Entscheidung wird sicher erst im Precamp oder sogar in Eugene getroffen. Weil aber eine männliche 4×100-Meter-Staffel und dazu noch eine Mixed-Sprintstaffel gelaufen wird, gibt es sechs Staffelplätze und wenn ich meine Leistung reproduzieren kann, rechne ich mir gute Chancen aus“, erklärt der 18-Jährige. Am liebsten würde er als Startläufer eingesetzt werden. „Da fühle ich mich am wohlsten. Ich bin ein konstant guter Starter und bin auch in der Vereinsstaffel immer den Start gelaufen.“

Vorfreude

Die Ziele mit der Nationalstaffel sind indes groß. In der Weltrangliste ist das deutsche Quartett zwar noch nicht weit vorne positioniert. „Wir haben bei den Deutschen aber das schnellste Finale überhaupt gesehen und wir schielen schon ein bisschen auf den Deutschen Rekord und den Endlauf.“ Die Vorfreude ist bei Florian Reichl aktuell groß. „Ich will die Zeit genießen und probiere da locker ranzugehen. Ich habe ja nie damit gerechnet und bin einfach sehr glücklich darüber, dass ich mitfahre.“

Am 27. Juli beginnt die Reise für Reichl mit einem Staffeltraining in Frankfurt. Am 29. Juli geht der Flug in die USA, an der Western University of Oregon bereitet sich das Deutsche Team in einem Precamp vor, ehe die Athleten in Eugene in ein Hotel direkt am Hayward Field umsiedeln. „Ich bin sehr froh, die Staaten zu sehen und Eugene ist wirklich ein genialer Ort, um Weltmeisterschaften zu erleben“, freut sich Reichl.

Einen Haken hat die Planung: Der Sindelfinger muss erneut auf einen Start bei den baden-württembergischen Meisterschaften verzichten. Diese fanden am vergangenen Wochenende in Walldorf statt. „Ich brauche die Zeit aber, um mich zu erholen und runterzufahren. Zu viele Wettkämpfe hintereinander kann ich nicht laufen, da ist sonst die Verletzungsanfälligkeit zu hoch“, weiß Reichl. So bleibt die ernüchternde Bilanz der Sindelfingers bei Landesmeisterschaften aber bestehen. Und Florian Reichl wird 2026 wahrscheinlich einen Einsatz für Deutschland bei den Weltmeisterschaften zu Buche stehen haben, aber erneut keinen Finalplatz bei baden-württembergischen Meisterschaften.

 

Bild: Bärenstark: Der Sindelfinger Florian Reichl letzte Woche bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid.

Bild: Görlitz

Quelle: Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung online