Judo: Da das internationale Turnier mit über 1300 Teilnehmern ausfällt, versüßen die Sportler und Freunde des VfL Sindelfingen eben dem Krankenhaus-Personal den Tag

Der Zuckerguss trägt Pflaster, Herz oder Mundschutz. Er ist ein Sinnbild für die Dankeschön-Aktion, mit der die Judokas des VfL Sindelfingen dem Krankenhaus-Personal ihre Wertschätzung ausdrücken. Die Liebe fürs Detail steht für die ganz normale Hingabe der Abteilung. Das Backwerk symbolisiert all die Zutaten, die eine Sportart braucht, um in Breite und Tiefe erfolgreich zu sein. Und es ist ein kleines bisschen Ersatzbefriedigung für das Größte, das die sanften Mattenkämpfer dieser Tage eigentlich auf die Beine stellen wollten.
So erfolgreich die VfL-Judokas sind, bei denen die Männer antraten, um in die Bundesliga zurückzukehren und bei denen die Frauen freiwillig aus dem Oberhaus zurückzogen, weil es sinnlos ist, sich mit den finanzschweren Teams aus Speyer und Backnang zu messen – das Nonplusultra ist nun einmal das internationale Judoturnier im Glaspalast. Oder besser: in und um den Glaspalast. Über 1300 Kämpfer aus 16 Nationen sollten hier ihre Zeltstadt aufbauen , gegeneinander antreten, neue Bande knüpfen und dabei von der Sindelfinger Judo-Familie verpflegt werden.
Susanne Häßner würde im Normalfall dafür wieder die ganze Woche freinehmen, um ab Montag einzukaufen und die Küchenschlacht zu organisieren. Donnerstags würden es dann so richtig losgehen, denn auch die aufbauenden Helfer wollen verpflegt werden und beim Frühstück wäre dann vom Schinkenbrot bis zum Müsli alles dabei. Nach dem letzten Essen am Sonntagabend ginge es zum Kehraus montags wieder zurück in den Glaspalast. Es ist eben ein Mammutprogramm vom ersten Wiegen bis zum letzten Spülen.
Auch die Familie Peikert würde dann geschlossen aus Deckenpfronn anrücken um am Grill Sonderschichten zu schieben. Doch der Virus macht das alles in diesem Jahr unmöglichen. „Es ist ein Jammer“, sagt Aylin Mill, die beim VfL durch frühe Fallschulen ging, im Juli außerdem an der Seite Bianca Schmidt, Meike Wegner und Fabian Häßner bei der Studenten-EM in Belgrad antreten wollte und auch dorthin nicht darf.
„Es wäre so schön gewesen“
Der Glaspalast wiederum, das riesige Heimturnier, bei dem der VfL auf ganzer Linie zeigen kann, was er auf der Matte aber auch Organisatorisch drauf hat, das ist die ganz große Nummer. Vor allem für Eigengewächse wie Aylin Mill, die es beim VfL von der eisspraytragenden „Eisläuferin“ bis zur Bundesligakämpferin auf internationalem Niveau brachte.
„Außerdem wäre es so schön gewesen, alle einmal wiederzusehen“, sagt Aylin Mill, die jetzt eben für Düsseldorf und St. Gallen antritt um beim Kräftemessen auf Augenhöhe zu bleiben. Doch ans Kämpfen ist derzeit nicht zu denken. Nur Ausnahmen können wirklich ran. So, wie Bianca Schmidt, die das Glück hat, dass ihr Bruder ebenfalls im Judo ist und die sich rechtzeitig ein paar Matten für zuhause organisierte.
Aber sonst? Dass in der Abteilung immer noch eine Menge geht, liegt an den Hausaufgaben und Challenges, die täglich über die sozialen VfL-Kanäle ins Haus flattern. Eine der wichtigsten Akteure ist dabei Elena Zein, die im Netz gesehen hat, dass Landfrauen Masken nähen und dann den Sindelfinger Tausendsassa Simon Kristen fragte, ob man nicht Ähnliches fürs Gemeinwohl tun könnte. So waren die Zutaten bald beisammen für eine Kuchenspendeaktion, an deren Rande Susanne Häßner mal wieder Strippen ziehen und Kontakte aufleben lassen kann. Mike, Andrea und Léon Peikert bringen immerhin einen Marmorkuchen vorbei.
Dieser schmeckt bestimmt wunderbar, muss sich aber zeitlich und künstlerisch einreihen. Aylins Mutter Elke Mill ist die erste um 9.30 Uhr, die gleich stapelweise Kuchen vom Erdbeerstreusel bis zur Käse-Rhabarber-Torte zum Glaspalast-Parkplatz bringt, weil sie vor dem Backen auch bei Freunden und Bekannten die Werbetrommel gerührt hatte. Dort wartet Elena Zein mit Carolin Kottmair, die noch so ein Zeugnis einer familiären Abteilung ist, weil sie eben nicht nur auf der Matte kämpft, sondern auch noch Kinder trainiert und heute den Kuchentransport mit übernimmt.
Ein Kofferraum reicht nämlich bei Weitem nicht aus, um die Schachteln und Container für die 40 Kuchen unterzubringen. So manches Kunstwerk ist darunter. Zum Beispiel eben diese Corona-Schutzmuffins, die Mandy Kern auftischt. Es ist eine Traumaktion, auf das die Judokas aber am liebsten verzichten würden. Nächstes Jahr soll bitte alles wieder ganz normal sein.
Bild: Christian Eicher, Refeernt der Regionaldirektion im Klinikum Sindelfingen(Böblingen (Zweiter von links) und Logistik-Gebietsleiter Viorel Bircea (rechts), nehmen die süße Fracht von Carolin Kottmair, Elena Zein und Aylin Mill (von links) gerne entgegen. Bild: Wegner
Quelle: SZ/BZ-Online