Gewichtheber: VfL-Urgestein Peter Dörich ist 80

Gewichtheber: VfL-Urgestein Peter Dörich ist 80

Ein Gründervater der Gewichtheber und des Frauenfußballs im VfL Sindelfingen

Unten im Hobbyraum hat alles seinen Sinn. Die Tischtennisplatte, an der man nicht alleine spielt. Die steinalte Eisenhantel, die so viel erzählt wie die Bilder an der Wand. Sie zeigen Sindelfingens erste Frauenfußballmannschaft. Den blutjungen Gerd Dörich, der noch keine Sechstage-Legende ist. Seinen Bruder Ralf, der an der Seite von Dieter Wünsch, Uwe Hessel, Helmut Spohn und Co den Zuschauern im Floschenstadion dankt, dass sie den VfL mal wieder zu einem Oberliga-Sieg führten. Seine Frau Gerlinde, wie sie mustergültig zum Kopfball hochsteigt. Oder den Jubilar selbst: Peter Dörich, wie er um die 110 Kilo im Stoßen zur Hochstrecke bringt. Dazu noch diese gewisse Rote Laterne.

Es sind Ausstellungsstücke wie in einem Sport- und Familienmuseum. In Peter Dörich feiert einer seinen Achtzigsten, der die blau.weißen Vereinsfarben im Herzen trägt, wie kaum ein anderer an der Vereinsgeschichte des VfL Sindelfingen mitstrickte, und viele andere erlebte. „Die sportlichste Familie der Stadt“ hieß es einmal, und Peter Dörich ist sichtlich im Reinen mit sich und der Welt. Ob er noch einmal irgendwas anders machen würde, wenn er denn könnte? „I woiß au net, I glaub’ net“, sagt er mit der typischen Zunge eines 1941 im Wilhelminenheim Geborenen.

Der Opa als Festreiter

Der Opa war schon so ein Ur-Sindelfinger. „Den Milch-Reichert kannte jeder“, sagt Peter Dörich. Nicht nur, weil dieser das landwirtschaftlichen Milchgeschäft betrieb und den Leichenwagen fuhr, sondern auch als Festreiter bei den Kinderfesten auf dem schwarzen Rappen, mit Zylinder gut behütet. Er steht heute noch symbolisch für Tradition und Zusammenhalt der Familie. Werte, die auch Peter Dörichs Eltern Emil und Edith an ihn und seine Brüder Wolfgang und Alfred weitergaben und die heute die nächste in die übernächste Generation weiter trug.

Sie alle sind Schaffer und Macher, vor allem Sportler durch und durch. Dazu findet Peter Dörich in seiner Gerlinde eine Frau, die ebenfalls mit Feuereifer dabei ist. Sie gehört zu den ersten Fußballerinnen Sindelfingens, wird in den 80ern eine feste Größe der Badmintonabteilung, gibt Yogakurse und legt ein Sportabzeichen nach dem anderen ab. Sie stärkt ihm den Rücken, wobei Kraft und Stärke zu Peter Dörich passen wie die Faust aufs Auge.

Denn es kommt eine Menge zusammen, wenn man alleine das, was er bei den Gewichthebern des VfL Sindelfingen leistete, auf die Waagschale legt. 1964 einer der Gründerväter, zehn Jahre Abteilungsleiter, 20 Jahre Kassier, 40 Jahre Übungsleiter, Vereinsmeister im Dreikampf in den Disziplinen Reißen, Stoßen und Drücken, Pressewart – eigentlich gibt es nichts, was Peter Dörich nicht gemacht hätte, das wiegt schon ziemlich schwer. Und wenn er nachrechnet, welche Massen er bewegte, bekommt man schiergar weiche Knie. Im Schnitt waren es dreimal die Woche 10 bis 12 Tonnen, das macht 140 Tonnen im Monat, grob 1500 Tonnen im Jahr und in der Karriere um die 45000 Tonnen. Das sind fast zwei Crawler, mit denen die Nasa ihre Spaceshuttles transportierte und kommt fast ran an die Titanic, die 52000 Tonnen wog.

Zu Landes- oder gar Bundesmeisterehren reicht es Peter Dörich zwar nicht, „denn dafür hätte ich wohl noch mehr machen müssen“, aber er hält den Laden zusammen. Ganz nach der Prämisse „an dem Tag, an dem wir teure Auswärtige holen und in die roten Zahlen ritschen, höre ich auf“, bleibt er so etwas wie der Kitt der Abteilung. Und er hat trotzdem nicht genug.

1971 kommt noch so ein legendäres Jahr. Zusammen mit dem Flaschner Erwin Schmidt und dem späteren Fußball-Gesamtboss Karl Ritter ruft er die erste Frauenfußballmannschaft in der Geschichte des Vereins zusammen. „Der Sohn vom Schmidt hatte damals eine Freundin, die Fußballspielen wollte“, erinnert sich Peter Dörich. Grätschen, Köpfen, alles Neuland. „Das waren alles Mädle zwischen 15 und 17. Die wussten nicht, was eine Innenreihe ist und eine Außenreihe“, sagt Peter Dörich. Aber daraus sollte sich ein Sindelfinger Aushängeschild schlechthin entwickeln, das jahrelang sogar in der Bundesliga spielt.

Stolz auf die Jungs

Und dann noch seine beiden Jungs: Kein Deutscher fährt mehr Sechstagerennen als sein Gerd, der auch noch mehrmals Deutscher Meister auf der Bahn wird. Und der Kicker Ralf wird unter dem Trainer Hansi Kleitsch als einer der erste Vorstopper überhaupt zum modernen Innenverteidiger, steigt mit dem VfL in die Oberliga auf und kickt dort auch noch in Kirchheim weiter, als Sindelfingen die dritthöchste Klasse nicht mehr halten kann. Das macht genauso stolz wie die Tatsache, „dass keiner raucht und keiner trinkt von den beiden.“ Peter Dörich steht halt immer auch für die etwas anderen Werte.

Und genau deshalb steht da unten im Hobbyraum eben auch diese Rote Laterne, die beim legendären Familienbinokeln derjenige bekommt, der gar nichts auf die Reihe kriegt. Die Truppe zusammenhalten, das Sportliche nicht aus den Augen verlieren, den VfL im Herzen und auch noch Tausendprozentiger VfBler, Helfer auf dem Friedhof und ein Arbeitsleben lang beim Kriegbaum, ein Mann, ein Wort, all das ist Peter Dörich. Deshalb geht er noch heute bei seinen Hebern ins Training. „Aber nemme so arg.“

Bild: Ein starker Rücken ist die halbe Miete. Peter Dörich Ende der 60er Jahre mit großer Freude beim Training. Bild: privat

Quelle: SZ/BZ-Online