Leichtathletik: Vom Umbruchjahr zur deutschen Vizemeisterin

400-Meter-Hürdenläuferin Sabrina Heil startet beim VfL Sindelfingen durch. Teilnahme an den Europameisterschaften nur knapp verpasst.

Bei den Deutschen Meisterschaften war Sabrina Heil so schnell wie noch nie und schnappte sich den Vizemeistertitel über die 400-Meter-Hürden und trotzdem: Ganz zufrieden war die Sindelfingerin nicht. Sie hatte mit der Norm für die Europameisterschaften in Birmingham geliebäugelt und ihren ersten internationalen Einzelstart bei den Aktiven nur knapp verpasst.

Eigentlich sollte die Freiluftsaison 2026 Teil eines Umstellungsjahrs der 22-Jährigen sein. Nach zwei Jahren im Trikot von Frankfurt Athletics musste Sabrina Heil einen neuen Trainer finden und das recht kurzfristig und zu einer Unzeit in der Klausurenphase ihres Biologie-Studiums. „Ich habe mich großflächig umgeschaut, das hat mental wirklich viel Kraft gekostet und es hat eine Weile gedauert, bis ich mich für Sindelfingen entschieden habe“, sagt die Langhürdenläuferin, die zu Trainer Sebastian Marcard wechselte.

 

Schwierige Monate

Auch die folgenden Monate waren schwierig. Fuß- und Knieprobleme zwangen die 22-Jährige zu viel alternativem Training, außerdem war da immer noch das Biologie-Studium in Frankfurt. Weil ein Wechsel an eine andere Universität für den Bachelor keinen Sinn mehr gemacht hätte, musste Sabrina Heil pendeln. Den Winter verbrachte sie Montag bis Mittwoch in Frankfurt, ehe es für die restliche Woche zum Training nach Sindelfingen ging. Zumindest diese Belastung ist aber bald Geschichte. Nur noch eine Klausur und zwei Praktika fehlen bis zur Bachelorarbeit und den Master würde Sabrina Heil dann gerne im nahen Tübingen absolvieren.

Zur Überbrückung wohnt sie bei ihrem Opa, die Leichtathletin hat viel Familie in der Region. Was überraschend ist, wenn man von der Heimat der 22-Jährigen erfährt. Aufgewachsen ist Sabrina Heil nämlich auf der nordfriesischen Insel Föhr im obersten Norden Deutschland und ohne Straßen- oder Bahnverbindung zum Festland. Das Sportangebot war dort rar, über ihren Lehrer kam sie spät zur Leichtathletik und obwohl bei der jungen Sabrina durchaus Talent erkennbar war, gab es einige Herausforderungen auf dem Weg zu einer Leichtathletik-Karriere. Nur einmal wöchentlich fand auf der gesamten Insel Leichtathletiktraining statt.

 

Großes Erlebnis

„Auch wenn ich mal einen Wettkampf machen wollte, war das super aufwendig. Wir mussten ja erst mit der Fähre aufs Festland fahren“, erinnert sich Heil. In jungen Jahren waren Kreismeisterschaften das höchste der Gefühle. Zwar schloss sich Sabrina Heil bald einer Gruppe in Sankt Peter-Ording an, musste aber mit der Fähre anreisen und zusätzlich noch neunzig Kilometer mit dem Auto fahren. „Ich habe deswegen hauptsächlich alleine trainiert und mir fehlt technisch immer noch einiges.“

Viel Zufall war bei der Wahl der 400-Meter-Hürdenstrecke dabei. „Mein Trainer hat mich spontan angemeldet. Ich bin davor nur einmal 200 Meter mit Hürden gerannt, aber im Wettkampf bin ich direkt die Norm für die Deutschen Meisterschaften gelaufen.“ Bei den Deutschen U18-Meisterschaften 2019 anzutreten war damals ein großes Erlebnis, das für viel Motivation sorgte.

Im Folgejahr schaffte es Sabrina Heil als Außenseiterin die Bronzemedaille zu gewinnen. „Ich bin daraufhin in den Bundeskader gekommen und habe da gesehen, was eine Trainingsgruppe ausmacht.“ Noch vor dem Abitur wechselte Heil auf ein Sportinternat in Magdeburg und konnte nun plötzlich Leichtathletik auf professionellem Niveau betreiben. Die großen Erfolge kamen aber erst im vergangenen Jahr im Trikot von Frankfurt Athletics. „Da bin ich erst bei der U23-EM mit der 4×400 Meter Staffel Vierte geworden und dann haben wir mit Deutschland bei der Universiade das Staffelrennen gewonnen und über die Hürden bin ich ins Halbfinale gekommen.“

Fast hätte Sabrina Heil also im Trikot des VfL Sindelfingen an diese internationalen Auftritte angeknüpft. Denn im Januar war die 22-Jährige endlich beschwerdefrei. „Wir konnten super viel an meiner Schnelligkeit arbeiten und das hat mir sehr gut getan. Allerdings haben wir nicht so viele Einheiten über die Langhürden gemacht. Deswegen war ich sehr überrascht, dass ich gleich so schnell eingestiegen bin.“ In Pliezhausen siegte Heil in ihrem Rennen, doch dann setzten Rückenprobleme ein. Mitten in der Saison musste die Sindelfingerin pausieren, setzte aber einen Monat später in Dresden mit einer neuen Bestzeit von 56,12 Sekunden ein Ausrufezeichen.

 

Schöne Bestätigung

„Das war eine schöne Bestätigung, dass doch vieles zusammenpasst, aber wegen dem Rücken musste ich dann wieder eine Pause machen“, sagt Heil. Vor den Deutschen Meisterschaften konnte sie dadurch nur ein weiteres Rennen in Belgien laufen. Nach Bochum-Wattenscheid reiste die Sindelfingerin dennoch mit Ambitionen auf die EM-Norm. Zwar war sie mit 56,07 Sekunden auch dort so schnell wie noch nie, knappe drei Zehntel-Sekunden fehlten der frischgebackenen Deutschen Vizemeisterin jedoch. „Das Ziel war schon eine 55 vor dem Komma, aber ich bin mit meiner Platzierung sehr zufrieden. Im Nachhinein war es knapper als gedacht und das bedeutet mir viel“, sagt Sabrina Heil.

Die Motivation für die kommenden Jahre ist bei der 22-Jährigen hoch. „Ich weiß, dass mehr drin ist und diese Saison hat richtig Lust darauf gemacht. Ich will unbedingt wieder international starten.“ In 2027 hat die Sindelfingerin gleich zwei Chancen. Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften finden in Peking statt, eine schwere aber mithilfe einer guten Ranking-Platzierung vielleicht keine unmögliche Aufgabe. Außerdem hat Heil die Universiade 2027 in Südkorea im Blick.

Davor hofft Sabrina Heil aber noch auf einen letzten Saisonwettkampf, nachdem sie in diesem Jahr nur insgesamt fünf Rennen über die 400-Meter-Hürden absolviert hat, würde ein Start beim ISTAF Berlin die Saison abrunden, aktuell wartet die 22-Jährige aber noch auf eine Zusage.

 

Bild: Bei den Deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid war Sabrina Heil so schnell wie noch nie und schnappte sich den Vizemeistertitel über die 400-Meter-Hürden.

Bild: Ralf Görlitz

Quelle: Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung online