Leichtathletik: Aus Constantin Preis wird Constantin Cislari

Vom VfL Sindelfingen nach Moskau

In Russland will der 400-Meter-Hürdenläufer wieder zu alter Form finden. Teilnahmen an Olympia, Welt- und Europameisterschaften.

Das Stirnband ist sein Markenzeichen. Deswegen trägt er es bei Wettkämpfen, auch wenn er es weder dazu benötigt um den Schweiß aufzufangen noch um die Haare zu bändigen. Eigentlich wollte sich Constantin Preis ganz anders in das Geschichtsbuch des VfL Sindelfingen laufen – mit einem perfekten 400-m-Hürden-Endlauf bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris.

Perfekt wäre für ihn die Finalteilnahme gewesen, die Krönung eine Medaille. Allerdings hätte er dafür seine persönliche Bestzeit von 48,45 Sekunden verbessern müssen. Es kam aber völlig anders. Nach einem verkorksten Vorlauf schied er als Letzter im Hoffnungslauf sang- und klanglos aus. „Ich habe dem Druck nicht standgehalten“, sagt er nun bei einem Telefonat, für das ihn die SZ/BZ in Moskau erreicht.

Versöhnlicher Abschluss

Die vermurkste Saison 2024 beendet er mit einem versöhnlichen Abschluss bei der Deutschen Meisterschaft anlässlich der Einweihung des Floschenstadions. Er führt die 4×400-Meter-Mixed-Staffel des VfL zur Goldmedaille und die Männerstaffel über die selbe Distanz zu Silber. Er sagt noch, wie toll das sei, vor heimischem Publikum zu laufen und bei der Siegerehrung auf dem Treppchen zu stehen.

Alte Heimat soll die neue werden

Wenig später ist er weg. Er kehrt nicht nur dem VfL den Rücken. Er verlässt mit seiner Mutter, der Schwester und seinem Schwager Deutschland. Die alte Heimat soll auch die neue werden, Das Ziel ist die Republik Moldau, auch Moldawien oder Moldovan genannt. Im Jahr 2011 ist die Familie von dort nach Deutschland gekommen. Obwohl Constantin Preis damals als 13-Jähriger noch kein Wort Deutsch spricht, schafft er über eine Aufbauklasse und die Realschule den Sprung aufs Gymnasium und dort als 20-Jähriger das Abitur. Über die Bundesjugendspiele kommt er zur Leichtathletik.

Auch da geht es schnell voran. 2017 wird er im Trikot des TV Pforzheim in Sindelfingen Deutscher Hallenmeister über 400 m und in Ulm 400-m-Hürdenmeister, jeweils in der U20-Klasse. 2018 wechselt er zum VfL. Unter den Trainern Sebastian Marcard und Olaf Klein (beide bis 2024) wird er über die Langhürden 2018 und 2019 Deutscher U23-Meister. Bei den Deutschen Meisterschaften der Aktiven steht er auf seiner Hausstrecke 2019, 2020 und 2021 ganz oben auf dem Treppchen. International wird er bei den U23-Europameiserschaften Vierter. Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 schafft er es ins Halbfinale, ebenso bei den Europameisterschaften 2022 und 2024, wobei das im Olympiajahr nicht überall als Erfolg gewertet wird.

Sensibler Künstler

Sebastian Marcard beschreibt seinen Schützling als sensiblen Künstler, der im Training nicht immer der fleißigste sei. Er wusste aber damit umzugehen – Bundestrainer Volker Beck weniger. Mit seiner 2023 gelaufenen Bestzeit von 48,45 Sekunden und als Dritter der Deutschen Meisterschaften hat Constantin Preis jedoch die Nominierung für Paris sicher. Aber er weiß auch: Bei den Spielen in der französischen Hauptstadt muss er liefern. Entgegen seiner eigenen Einschätzung gelingt ihm das überhaupt nicht. Darauf streicht ihn der Deutsche Leichtathletik-Verband aus seinem Perspektivkader.

Damit fällt er nicht nur aus der Sporthilfe-Förderung. „Ich habe dadurch auch meine Sponsoren verloren“, sagt Constantin Preis. Lediglich der VfL habe ihn weiter unterstützt. Allerdings habe das Geld nicht für den Lebensunterhalt hierzulande gereicht. So plant die Familie einen kompletten Neuanfang in Moldawien, zumal seine Mutter dort wieder als Ärztin arbeiten kann, während sie in Deutschland lediglich als Heilpraktikerin tätig sein konnte. Er vollzieht den Umbruch so radikal, dass er den Namen seines wenig geliebten Stiefvaters ablegt und den Geburtsnamen seiner Mutter annimmt. Aus Constantin Preis wird Constantin Cislari. Doch in Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas, interessiert sich niemand für den Sportler aus Deutschland.

Moskau als nächste Station

So wird die nächste Station Moskau. Die Sprache ist kein Problem, sagt Constantin Cislari: „Wir haben daheim immer Russisch gesprochen.“ Amtssprache in Moldawien ist Rumänisch, aber für rund elf Prozent der Moldawier gilt Russisch als Muttersprache, historisch bedingt.

Auf die Frage, wovon er in Moskau lebe, antwortet Constantin Cislari: „Ich habe ein Geschäft angefangen.“ Er vermiete daheim Ferienunterkünfte: „Groß darüber zu reden, lohnt sich nicht. Es ist sowieso nur vorübergehend.“ Er gehe davon aus, dass er bald wieder von seinem Sport leben könne. Sein Ziel sei, als „Autorisierter neutraler Athlet (ANA)“ internationale Wettkämpfe zu bestreiten und an den nächsten Olympischen Spielen teilzunehmen. Derzeit kann den ANA-Status erhalten, wer nicht vom russischen oder weißrussischen Militär unterstützt wird.

Wer wie er bereits Starts bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften hinter sich hat, wird bei einem Wechsel von einem nationalen Verband zu einem anderen in der Regel für drei Jahre gesperrt. Für Welt- und Europameisterschaften kann die Sperre auf ein Jahr verkürzt werden, wenn sich der alte und der neue nationale Leichtathletikverband einig sind. Für Olympia gilt das nicht und es kommt noch erschwerend hinzu, dass Sportler die Staatsangehörigkeit des Landes haben müssen, für das sie starten wollen. Ob Constantin Cislari bei Olympia 2028 in Los Angeles für Russland oder Moldawien antreten möchte, weiß er noch nicht: „Vielleicht kommt ja auch ein ganz anderes Land in Frage.“ Bis seine Sperre ablaufe, habe er für eine Entscheidung ja noch genügend Zeit,

Schon wieder gute Zeiten

In den Ergebnislisten seiner Wettkämpfe wird er bisher als Deutscher geführt. Beim Christmas-Cup in der Moskauer Znamensky-Arena läuft er die 600 Meter am 9. Januar 2025 in 1:19,73 Minuten. Bei den russischen Hallenmeisterschaften an derselben Stelle sieben Wochen später die 400 m flach in 48,43 und im Mai im Freien in 48,41 Sekunden.

Bei den russischen Meisterschaften Anfang August in Kasan qualifiziert er sich im 400-m-Hürden-Lauf außer Konkurrenz mit der zweitbesten Vorlaufzeit fürs Finale. Dort ist er in 49,45 Sekunden fast eine halbe Sekunde schneller, kommt aber nur als Vierter ins Ziel. Angesichts seiner ganzen Umstände sei eine Sekunde über seiner Bestzeit eine sehr gute Zeit, findet er. An den Trainer und das Training müsse er sich auch erst noch gewöhnen. Der Trainer sei einer der alten Schule: „Es wird viel härter trainiert als in Deutschland.“ Dafür aber nur fünfmal statt sechsmal in der Woche, was ihm entgegenkomme.

 

Bild: Mit der 4×400-m-Mixed-Staffel des VfL Sindelfingen gewinnt Constantin Preis bei der Einweihung des Floschenstadions im Jahr 2024 seine letzte Deutsche Meisterschaft. Das SZ/BZ-Bild zeigt die Gold-Staffel (von links): Lisa Hartmann, Constantin Preis, Jessica-Bianca Wessolly und Alexander Stepanov.

Bild: Reichert

Quelle: Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung online