Die Schneider sitzen in Schifferstadt und Düsseldorf
Der Abteilungsleiter der Sindelfinger Leichtathleten und seine Frau geben auf dem Parkett eine gute Figur ab.
Petra und Jürgen Kohler zaubern und hexen nicht, sondern sie tanzen. Dennoch hat das Dachteler Ehepaar dabei etwas Magisches geschafft. Das Turnierpaar des Tanzsportclubs im VfL Sindelfingen ist in dreieinhalb Jahren viermal aufgestiegen – von der D- in die C-, weiter über die B- in die A-Klasse und nun in die S- wie Sonderklasse. Das ist bei den Tanzsportlern die höchste deutsche Amateurliga. Blutige Anfänger waren sie bei ihrem Einstieg in den Turniertanz allerdings nicht.
In der Schule haben sie beide einen A-Kurs (A wie Anfänger) gemacht und zusammen tanzen die 55- und der 59-Jährige seit rund 35 Jahren. Schon den F-Kurs (F wie Fortgeschrittene) haben sie gemeinsam gemacht. „Tanzen“, sagen beide wie aus einem Mund, „ist eine Sportart, die man als Paar hervorragend gemeinsam betreiben kann.“ Sie bewegten sich vor allem in Tanzkreisen: bei der Tanzschule Bode (Böblingen), in Tübingen, bei der Tanzsportabteilung des SV Rohrau, bei der SG Stern und nun seit Jahren beim TSC im VfL Sindelfingen. Der Ehrgeiz, es besonders „schön“ zu machen, war immer da, aber Wettkampfstress – nein, danke. Was das bedeuten kann, weiß Jürgen Kohler als Abteilungsleiter von seinen VfL-Leichtathleten.
Ein Technikkurs könne nicht schaden, fanden beide nach der coronabedingten Zwangspause. Dort hieß es dann nach drei Monaten, wenn sie das Erlernte erhalten wollen, sollten sie ein bisschen turniertanzen. „Wir wollten das zunächst nicht“, räumt Jürgen Kohler ein, aber schließlich hätten sie sich zu einem Turnier in Tübingen überreden lassen. Und sie wurden auf Anhieb Zweite. Eine Woche später in Enzklösterle stellten sie fest: Bei Turnieren trifft man nicht nur Bekannte, sondern lernt auch Land und neue Leute kennen. Das Heidelbeerdorf im Nordschwarzwald kannten sie vorher gar nicht.
Damit war der Grundstein gelegt und nach einem halben Jahr der erste Aufstieg, von der D- in die C-Klasse, perfekt. „Der Einstieg war easy“, sagt Jürgen Kohler rückblickend. Auch in Bezug auf die Kleiderordnung: „Schwarz-schwarz ist völlig unproblematisch.“ Ganz ausgemustert sind die Sachen auch heute noch nicht. „Sie taugen immer noch als Trainingsklamotten.“ Mit den sportlichen Anforderungen in den höheren Klassen verschärfen sich auch die Kleidervorschriften für den Auftritt auf dem Parkett. Weil die Stückzahlen für das Tanzkleid der Damen und den Frack der Herren für eine Massenproduktion nicht ausreichen, führt der Weg der Tänzerinnen und Tänzer in der Regel zur Schneiderin und/oder zum Schneider.
„Mit unserer Erstausstattung hatten wir Glück“, erinnert sich Jürgen Kohler, „die gab‘s für 800 Euro gebraucht.“ Es seien nur ein paar kleine Änderungen nötig gewesen. Weil auf Tanzkleidung spezialisierte Schneidereien dünn gesät sind, fährt Petra Kohler zur Schneiderin in die Nähe von Schifferstadt und Jürgen Kohler nach Düsseldorf. Die Kunst, einen Frack fürs Turnier zu schneidern, besteht darin, die Maße so zu wählen, dass er bei den in der Standardtanzhaltung erhobenen Armen gut und dennoch bequem sitzt.
Fünf Mal Training in der Woche
Den Aufstieg hat das Ehepaar Kohler mit einem Turniersieg in Berlin-Tegel perfekt gemacht. Notwendig dafür waren 200 Punkte und zehn Platzierungen unter den ersten Drei. Um den Aufstieg vollends zu schaffen, hat sich das Duo ins Zeug gelegt: statt zwei gleich fünf Trainingseinheiten in der Woche – montags, dienstags und mittwochs Turniertraining sowie freitags freies Training im Verein und an den Wochenenden noch die eine oder andere Privatstunde. „Trainer Rolandas Trembo hat an uns geglaubt. Der hat gesagt: Dieses Jahr steigt ihr auf“, berichtet Jürgen Kohler.
Gefragt sind beim Tanzen Kondition und Koordination „und locker aussehen soll es auch noch, obwohl es anstrengend ist“, ergänzt Petra Kohler die Voraussetzungen für einen Erfolg. Die fünf Disziplinen Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Slowfox und Quickstep werden beim Turnier jeweils 100 Sekunden getanzt. „Gefühlt sind das aber jedes Mal 15 Minuten“, findet Petra Kohler. So viel zum Thema Turnierstress, der beim Stolz über das Erreichte aber in den Hintergrund tritt.
Wie viele S-Klassen-Paare es deutschlandweit gibt, ist unklar. Bei Deutschen Meisterschaften, bei denen nur diese Klasse zugelassen ist, starteten zuletzt rund 110 Paare. Männer können übrigens nicht absteigen, während Frauen immer in der Klasse ihres Partners starten müssen. A- und S-Klassen-Paare dürfen auch international starten. Petra und Jürgen Kohler werden internationale Wettkämpfe zumindest vorerst nur in Deutschland bestreiten, darunter wie in diesem Jahr bei den German Open Championships Stuttgart, die als größtes Turnier weltweit gelten.
„Für Turniere im Ausland sollten wir sicher sein, dass wir die zweite Runde erreichen, sonst lohnt sich der Aufwand nicht“, sagt Jürgen Kohler. Nach jedem Aufstieg, so seine Frau, hätten sie wieder von vorne anfangen müssen, weil die Anforderungen an die Genauigkeit der Schritte und die Körperhaltung von Klasse zu Klasse steigen. Daraus schlussfolgert das Paar, dass es eines bis zwei Jahre brauchen wird, um sich in der S-Klasse zu etablieren. Dass sie bei ihrem ersten Auftritt in der S-Klasse in Tegel – Aufsteiger dürfen bei einem Turnier anschließend nochmal und zwar gleich in der höheren Klasse starten – Dritte von vier Startern wurden, sei kein Maßstab, sondern nur der dort schwachen Beteiligung geschuldet gewesen. Von einem Höhenflug wollen der Luft- und Raumfahrtingenieur (beim „Daimler“) und die Mitarbeiterin der Herrenberger Stadtverwaltung nichts wissen. Für die nächste Zukunft ist für die beiden klar, was ansteht: „An unserem Quickstep müssen wir noch arbeiten.“
Info:
Am 16. Januar beginnt im Vereinsheim des TSC im VfL Sindelfingen ein Tanzkurs für Anfänger und Wiedereinsteiger. „Wir nehmen noch Anmeldungen an“, sagt Petra Kohler. Vor allem für Anfänger hat die Breitensportwartin des TSC gleich noch einen Tipp parat: „Ich rate allen, von Anfang an auf eine saubere Ausführung und eine gute Körperhaltung zu achten, denn etwas neu zu lernen ist einfacher als sich umzugewöhnen.“ Anmeldungen oder Infos anfordern per Mail unter kontakt@tanzsportclub.vfl-sindelfingen.de
Bild: Petra und Jürgen Kohler bei den German open Championships 2025 in Stuttgart.
Bild: z/rt
Quelle: Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung online