Große Nummer in Deutschland
250 Sportler spielen in elf Kategorien um Titel, dabei ist auch Weltklasse-Tischtennis zu sehen. Und bei der Eröffnung zeigt Sindelfingens OB Markus Kleemann einige durchaus sehenswerte Ballwechsel.
Als am Abend des zweiten und letzten Turniertags die Cheerleader des VfL Sindelfingen ihren großen Auftritt haben und eine Vielzahl der Teilnehmer den geselligen Abschlussabend im Foyer des Glaspalasts genießen, steht Tischtennis-Abteilungsleiter Miroslav Milkovski und seinem vielköpfigen Organisationsteam die Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben. Die VfL-Abteilung hat zum vierten Mal in Folge ihre besondere Rolle als Gastgeber der Deutschen Meisterschaften im Para-Tischtennis bewiesen, die sich an beeindruckender Spielstätte zu einer Erfolgsveranstaltung entwickelt hat.
Mit knapp 250 Teilnehmern erfuhren die Meisterschaften, bei denen in elf Kategorien die nationalen Titelträger ermittelt wurden, eine Rekordteilnehmerzahl. „Den Sportlern fehlt es hier an nichts“, sagte Steffen Neumann, Leistungssportkoordinator im Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband. Dass zudem einige Paralympics-Akteure ihre Aufwartung im Glaspalast machten, erachteten die Verantwortlichen ebenso als wichtig. „Das hat auch mit Wertschätzung gegenüber den vielen anderen Sportlern zu tun, für die diese DM der Höhepunkt des Jahres darstellt“, ergänzte Miroslav Milkovski.
Olympiasiegerin in Paris
Eine der Topathletinnen war Sandra Mikolaschek, die sich erwartungsgemäß mühelos den Einzeltitel bei den Rollstuhlsportlern in der Wettkampfklasse 4 sicherte. „Viele Rollstuhlsportler haben sich vor ein paar Jahren dafür eingesetzt, die Meisterschaften gemeinsam mit den Stehenden durchzuführen. Deshalb komme ich natürlich gerne hierher“, sagte die Weltklasseathletin, die bei den Paralympischen Spielen in Paris Einzelgold ergatterte. „Die Teilnahme an der DM ist allerdings auch ein Kaderkriterium“, ergänzte Volker Ziegler.
Der Para-Tischtennis-Bundestrainer aus Lehenweiler, der in vielen Sporthallen der Welt ein und aus geht, machte keinen Hehl daraus, dass die knapp 40 aufgestellten Spieltische und das Ambiente im Glaspalast bei ihm immer wieder für einen „Wow-Effekt“ sorgen. Mit einer ähnlichen Gefühlslage ging auch die Stuttgarterin Jana Spegel aus dem Turnier, die aus Einzel, Doppel und Mixed gleich drei Mal Gold holte. Nunmehr richtet die 23-Jährige ihr Augenmerk auf die mögliche WM-Teilnahme in Thailand in diesem Jahr und auf die Paralympics 2028 in Los Angeles.
„Hoffnungsvolle Talente“
So wie Volker Ziegler machte sich auch Jugend-Bundestrainer Andreas Wenzel ein Bild vom Leistungsstand der Athleten. „Die Veranstaltung ist wichtig für den Nachwuchs, der sich im Konzert der Großen beweisen kann“, sagte Wenzel, der sich für das Heranführen von Talenten an das internationale Spitzenniveau verantwortlich zeigt. „Erfreulicherweise gibt es einige Kandidaten, die ich zu einer ersten Sichtung auf Bundesebene einladen kann.“
Diesbezüglich ist er in engem Austausch mit Landestrainern wie Momcilo „Mozza“ Bojic, der mit der Betreuung eines knapp 50-köpfigen Teams aus Baden-Württemberg über Maßen gefordert war. „Auch wenn die Sichtungsmöglichkeiten und die Anzahl der Trainer in Baden-Württemberg begrenzt sind, haben wir doch einige hoffnungsvolle Talente“, sagte Momcilo Bojic und verwies nicht ohne Stolz auf fünf Goldmedaillen, die die Jugend unlängst bei der DM in Frankfurt-Höchst einheimste.
Lokalkolorit
Mit dem Oberjettinger Werner Nüssle sowie Martin Reinauer (Ressortleiter Schiedsrichter in Tischtennis Baden-Württemberg) sorgten zwei Oberschiedsrichter für einen geregelten Ablauf. Dabei konnten sie auf die Unterstützung von jeweils gut 50 Unparteiischen aus elf Landesverbänden an den Tischen zählen. „Für mich ist das eine Pflichtveranstaltung“, sagte Nüssles Vereinskollege Olaf Kath. Deutlich länger war die Anreise bei Referees aus Brandenburg und Thüringen. So wie im Falle von Anna Rasse aus Klagenfurt: „Für mich ist die Teilnahme hier in Sindelfingen eine Herzensangelegenheit“, sagte die Kärntnerin, die eine zehnstündige Zugfahrt auf sich nahm.
Auch für Roland Pflieger war es ein Bedürfnis, Teil der Para-DM zu sein. Der gebürtige Ehninger ist vielen vor allem aus der Leichtathletik, speziell dem Langstreckenlauf, ein Begriff. „Ich bin dem Helferaufruf des VfL gerne gefolgt, das erweitert auch meinen Horizont“, sagte Pflieger, der im Cateringbereich unterstützte. „Den Athleten hier gilt meine ganze Bewunderung und großer Respekt. Da rücken andere Wehwehchen doch schnell in den Hintergrund.“
Der OB greift zum Schläger
Durchaus stolz war auch Sindelfingens Oberbürgermeister Markus Kleemann, der sich bei der Eröffnung des Events ein paar – durchaus sehenswerte – Ballwechsel mit „Miro“ Milkovski lieferte. „Ich habe schon 20 Jahre keinen Schläger mehr in der Hand gehabt“, meinte Kleemann, der in der Jugend im heimatlichen Nordheim eine Zeitlang im Verein spielte. „Ein großer Dank gilt dem VfL, der mit über 150 Helfenden überhaupt diese Veranstaltung erst ermöglichte“, sagte der OB, der Sindelfingen als „Sportstadt auch im Bereich der Inklusion“ hervorhob. Mit einem vierstelligen Betrag beteiligte sich die Stadt im Rahmen der Sportförderung an der Veranstaltung, die laut WBRS-Organisatoren dennoch mit einem Minus bilanziert. „Die Gesamtkosten von etwa 40.000 Euro sind allein durch die Startgelder und die Sponsoren nicht zu stemmen“, sagte Steffen Neumann, der unter anderem die Stadtwerke Sindelfingen als langjährigen Partner hervorhob. Auch die Kreissparkasse Böblingen beteiligte sich mit einer Spende.
„Ehrensache“ war die Teilnahme für viele Sportler, die eher weniger Aussichten auf Podestplatzierungen hatten. So sollen die Meisterschaften laut Veranstalter die Hemmschwelle für jegliche Sportlerinnen und Sportler mit Handicap reduzieren. Lokalkolorit versprühten Wolfgang Schucker (TTF Schönaich) oder der Aidlinger Robert Koch, der für den Rollstuhlsport- und Kulturverein Tübingen an den Start ging. „Ich spiele in einer Sechsergruppe und werde da wohl Sechster, aber das macht nichts. Ich bin gerne dabei“, sagte Koch.
Bild: Der Glaspalast wird zur deutschen Tischtennis-Zentrale.
Bild: Holzapfel
Quelle: Sindelfinger Zeitung/ Böblinger Zeitung online